Netzwerk gegen Internetkriminalität

Erste Tipps aus dem neuen Buch “Versandhandelsbetrug zu einfach gemacht”

Bild eCommerce Berater Dr. Ralf ClasenDr. Ralf Clasen arbeitet als eCommerce-Berater seit Jahren mit Versandhändlern in eCommerce-Projekten – vom Start-Up bis zur Top-Marke. Sein Wissen aus diesen Projekten macht er in Vorträgen und Veröffentlichungen anderen Versandhändlern zugängig. Aktuell arbeitet er an dem Buch “Versandhandelsbetrug zu einfach gemacht”, in dem er praktische Tipps für das Risikomanagement gibt. Einen ersten Einblick in dieses Buchprojekt erhalten Sie hier:

Gibt es sichere Zahlungsmittel? – Vorkasse

“Ich verkaufe nur gegen Vorkasse – dann habe ich keine Zahlungsausfälle!”, so hört man immer wieder von Händlern. Sehr weit verbreitet ist diese Einstellung bei Händlern, die hochpreise Ware mit wenig Marge verkaufen. Ein Beispiel in dieser Kategorie sind Elektronikprodukte wie Fernseher. Wenn beispielsweise ein niedergelassener Fernsehhändler seinen Umsatz steigern will, richtet er einen Online-Shop ein und bietet dort Fernseher zum Kauf gegen Vorkasse an. Er denkt mit und will potentielle Retouren auch als “Vorführgeräte” im eigenen Ladengeschäft verkaufen.

So weit – so gut. Mittels Vorkasse schlägt er zwei Fliegen mit einer Klappe. Zum einen dauert die Zahlung wenige Werktage, so dass er selbst die Ware noch vom Großhändler beschaffen kann. Zum anderen wähnt er sich sicher gegen Zahlungsausfälle und hat keine Kosten für ein Zahlungsmittel.

Allerdings hat der Fernsehhändler die Rechnung ohne professionelle Betrüger gemacht. Bestellt ein Betrüger die Ware, so bekommt er eine Vorkasserechnung mit dem Hinweis unter Angabe der Rechnungsnummer den Rechnungsbetrag auf das Konto des Fernsehhändlers zu zahlen.

Nun möchte der Betrüger aber die Ware bekommen, ohne zu bezahlen? Keine Chance für ihn? Doch! Er muss sich nur ein bisschen Mühe machen. Der Betrüger muss andere Menschen dazu bewegen, seine Rechnung zu bezahlen.

Und das ist einfacher als gedacht. Der Betrüger suggeriert demjenigen, der seine Rechnung bezahlen soll, dass der Zahler etwas anderes bekommt, das er gerne haben möchte: Beispielsweise eine Last-Minute-Reise in die USA zu Top-Konditionen.

Die bewirbt er per Email mit einer kleinen Web-Site und dem Hinweis, dass er wegen des Rücktritts anderer Reiseteilnehmer den sensationell günstigen Preis anbieten kann. Auf der Web-Site ist ein Anmeldeformular für die Reise vorhanden. Von den Informationen braucht der Betrüger in erster Linie die Email-Adresse des neu geworbenen Reisegastes. An diese schickt er ihm eine Vorkasserechnung – genau wie der Fernsehhändler. Diese Vorkasserechnung enthält die Aufforderung den Betrag für die Reise auf ein Konto zu überweisen und den Hinweis, dabei unbedingt die Buchungsnummer anzugeben.

Diese vom Betrüger übermittelte Buchungsnummer ist identisch mit der Bestellnummer beim Fernsehhändler und die Bankverbindung ist die des Fernsehhändlers.

Läuft es für den Betrüger gut, passiert das Folgende:

  • Der Reisegast zahlt mit der vermeintlichen Buchungsnummer das Geld an den Fernsehhändler.
  • Der Fernsehhändler freut sich über den Zahlungseingang und versendet den Fernseher.
  • Der Betrüger nimmt den Fernseher entgegen – typischerweise an einer Adresse an der er nicht beheimatet ist – und ist mit der Ware verschwunden. Die Ware nutzt er selbst oder verkauft sie weiter.
  • Irgendwann bemerkt der Reisegast, dass er keine Reiseunterlagen erhalten hat und hinterfragt den Vorgang. Dabei stellt er möglicherweise fest, dass das Konto auf das er sein Geld überwiesen hat, dem Fernsehhändler gehört.
  • Da kein Rechtsgeschäft zwischen dem Zahler und dem Fernsehhändler besteht, kann der Zahler sein Geld zurückfordern. Die Juristen reden hier von einem “Anspruch aus unberechtigter Bereicherung”.
  • Der Reisegast ist zwar nicht im Urlaub, hat aber sein Geld zurück und ist somit mit einem “blauen Auge” aus dem Betrug entkommen.
  • Der Fernsehhändler steht mit leeren Händen da, er hat seine Ware versendet und musste das eingegangene Geld auch wieder abgeben.

In der Praxis gibt es kaum eine Chance für den Fernsehhändler wieder an seine Ware zu kommen oder jemanden zu finden, der ihm seinen Schaden ersetzt. Erfahrene Betrüger nutzen nicht Ihre eigene Adresse für die Anlieferung von Waren. Zudem sind die persönlichen Angaben in der Regel nicht die eigenen. Entweder nutzt der Betrüger fiktive Daten oder die Daten von real existierenden Personen.

Was hätte der Fernsehhändler denn tun können, um diese negative Erfahrung zu vermeiden?

Vorweg gesagt sei, dass dieses Betrugsmodell bis vor einigen Jahren nur sehr eingeschränkt funktionierte, weil die Banken eine sogenannte “Kontoanrufkontrolle” durchführen mussten. Dabei haben sie kontrolliert, ob der bei der Überweisung angegebene Zahlungsempfänger mit dem Kontoinhaber (oder einem Verfügungsberechtigen) identisch ist. Nicht passende Angaben führten zur Ablehnung der Gutschrift und somit zur Rücküberweisung des Betrags. Der Betrüger musste damals die Identität des Fernsehhändlers vortäuschen. Das war eine signifikante Hürde.

“Früher war alles besser!”, hilft dem Fernsehhändler als Aussage aber nicht wirklich. Er kann aber selbst einige Maßnahmen ergreifen, um sein Risiko deutlich zu reduzieren:

Zahlungseingänge genau beobachten

  • Sind Überweiser und Besteller identisch? Natürlich wird es immer wieder vorkommen, dass die Zahlen für eine Rechnung von einen nahen Angehörigen mit abweichendem Namen durchgeführt wird. Auch kann dieser durchaus sein Konto in einer ganz anderen Region haben. (Die Region erkennt man übrigens aus der Bankleitzahl.) Es empfiehlt sich, den Besteller anzurufen, um sicher zu gehen. Ob Betrüger nun ans Telefon gehen, ist nicht vorhersagbar. Bei gebraucht erworbenen Pre-Paid-Handys ist es sogar wahrscheinlich. Fragt man den Betrüger nach der überweisenden Bank oder den letzten beiden Stellen der Kontonummer, so filtert man ihn mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit heraus. Nicht jeder Besteller hat die Daten des für ihn überweisenden Angehörigen sofort zur Hand, aber er kann sie schnell besorgen.
  • Ist der angegebene Zahlungsempfänger richtig? Immer dann, wenn die Angabe des Zahlungsempfängers auffällig vom eigenen Firmennamen abweicht, ist Vorsicht geboten. Eine Rückfrage drängt sich förmlich auf – notfalls bei der Bank des Überweisenden mit der Bitte um Klärung.
  • Ist der Verwendungszweck auffällig? Wenn neben der Bestellnummer weitere Angaben im Verwendungszweck angegeben sind, können darin Hinweise auf den Betrug enthalten sein. Wird da ein vom bestellten Fernseher abweichendes Produkt oder eine abweichende Dienstleistung genannt, so ist Vorsicht geboten. Auch hier bietet sich die telefonische Kontaktaufnahme mit dem Besteller an.

Häufungen von Bestellungen

  • Betrüger, die Waren ergaunern, machen diese Waren häufig zu Geld. Das gelingt ihnen nur mit einem Abschlag auf den tatsächlichen Wert – beispielsweise als Hehlerware. Daher sind viele Betrüger nicht mit einem Betrugsfall “zufrieden”. Sie müssen mehrere Betrugsfälle durchführen. Wenn mehrere dieser Betrugsfälle zeitnah in einem Shop getätigt werden, so hat der Händler eine Chance, dieses zu erkennen.
  • Regionale Häufungen von Bestellungen sind besonders verdächtig. Nehmen wir an, dass der Händler typischerweise 20 Bestellungen pro Tag bekommt. Wenn nun 5 dieser Bestellungen aus nah beieinander liegenden Postleitzahlen kommen, sollte das auffallen.
  • Datenschutzrechtlich umstritten ist es IP-Adressen von Bestellern zu speichern. Im Bestellprozess sollte der Händler die IP-Adressen auf jeden Fall berücksichtigen. Werden zwei Bestellungen mit unterschiedlichen Identitäten unter der gleichen IP-Adresse getätigt, ist ein Betrugsversuch wahrscheinlich. Auch bei Bestellungen mit IP-Adressen aus dem Ausland sollte jeder Händler vorsichtig umgehen. Es ist nicht zu erklären, warum beispielsweise ein Fernseher zur Auslieferung in Berlin aus der Ukraine heraus bestellt wird.

Identitätsfragen auch bei Vorkasse klären

  • Viele Geschäfte machen wir nur mit Menschen, die wir kennen. Das heißt, unser Geschäftspartner muss sich identifizieren. Dieses ist beispielsweise dann üblich, wenn der Händler jemandem Kredit gibt – also ein Risiko eingegangen wird. Ein Risiko wird auch bei der Vorkasse eingegangen. Somit bietet es sich an, zu prüfen, ob der Besteller existiert oder ein “Pseudonym” ist. Hört sich kompliziert an, ist es aber nicht. Im letzten Jahrhundert hätte man im Telefonbuch nachgesehen, ob es den Besteller unter der angegebenen Lieferadresse gibt. Heutzutage bieten sich Datenbanken an, mit denen die Identität einer Person unter einer Adresse überprüft werden kann. Für die Nutzung dieser sogenannten “Bonitätsdatenbanken” ist eine Gebühr fällig, die sich aber schnell auszahlt. Voraussetzung zur erfolgreichen Nutzung dieser Datenbanken ist häufig die Kenntnis des Geburtsdatums.

Befolgt der Händler diese Tipps, kann er sich bei der Vorkasse deutlich sicherer fühlen – oder endlich so sicher fühlen, wie er es immer schon tat.

eCommerce-Betrug (zu) leicht gemacht

Bild eCommerce Berater Dr. Ralf ClasenBetrug im Internet hat viele Gesichter. Nicht immer betreiben die Bösewichter einen Server und versuchen Internetnutzer zu schädigen. Der Versandhandelsbetrug ist längst im Internet angekommen und verursacht großen Aufwand und nicht unerhebliche Kosten für alle, die Waren und Dienstleistungen über das Netz verkaufen wollen.
Aus dem klassischen Katalogversandhandel wissen wir, dass der Verkauf immer dann besonders gut läuft, wenn man dem Kunden die Bezahlungsmöglichkeit “auf Rechnung” anbietet. In vielen Branchen führt kein Weg an dieser Bezahlart vorbei. Die Händler kämpfen an dieser Front nicht nur gegen das Problem, dass Personen unerwartet ihre Rechnung nicht bezahlen können. Sie sind auch damit konfrontiert, dass es Menschen gibt, die ihre Identität bewusst verschleiern, um kostenlos an Ware zu kommen.
In der Praxis der eCommerce Beratung tauchen diese Probleme regelmäßig auf. Einen Einblick in die Handlungsmöglichkeiten gibt der Artikel bei Hamburg@work zum eCommerce-Betrug, in dem die wichtigsten Schritte zur Bekämpfung von Betrugsversuchen im Online-Shop dargestellt werden.
Auch aus Kundensicht sind die Betrugsvermeidungsansätze durchaus als Segen zu betrachten. Sie senken die Kosten für den Händler und ermöglichen es ihm dadurch, niedrige Preise anzubieten. Sicher muss man dafür die “Kröte” einer Bonitätsprüfung schlucken.
Es gibt sogar Möglichkeiten, dass die Zahlart “Vorkasse” sich für den Betreiber eines Online-Shops als Zahlungsausfall entpuppt. Hört sich merkwürdig an, ist aber leider gelegentlich so. eCommerce-Berater Dr. Ralf Clasen wird dieses trotz einiger Bedenken in einem anderen Beitrag vorstellen, weil hier die Mitwirkung aller Betroffenen zur Schadensvermeidung notwendig ist.